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KI im Mittelstand: Konkrete Ansätze vom Rheinland Day

Viele mittelständische Unternehmen stehen beim Thema künstliche Intelligenz vor derselben Frage: Wo fängt man eigentlich an? Genau darum ging es auf dem ersten Rheinland Day in Siegburg, einer Veranstaltung der Organisation Just Forward, die rund 300 mittelständische Betriebe, Wissenschaftler und junge Technologieunternehmen zusammenbrachte. Der Podcast „Markt und Mittelstand“ hat dort mit mehreren Gästen gesprochen – und das Bild, das sich abzeichnet, ist erfreulich nüchtern: weniger Hype, mehr Struktur. Wir haben die praktisch verwertbaren Erkenntnisse für KMU-Entscheider zusammengefasst.

Das Wichtigste in Kürze
  • KI-Projekte starten nicht mit Programmierung, sondern mit Verständnis und einer klaren Problemdefinition – erst danach folgt die Umsetzung.
  • Vor jedem Projekt steht die Arbeit an der Datenbasis: sichten, prüfen, aufbereiten. Der Mittelstand sitzt oft auf einem unterschätzten Datenschatz.
  • Statt eines reinen Machbarkeitsnachweises (POC) zählt der Proof of Value: Welches Problem wird gelöst, welcher Nutzen entsteht?
  • Reale Anwendungsfälle reichen von technischem Support über die Steuerung von Robotern bis zu lokal betriebenen Modellen, die Firmengeheimnisse im Haus halten.
  • KI ersetzt im Mittelstand häufig keine Jobs, sondern entlastet überlastete Fachkräfte und sichert Wissen, das mit dem Ruhestand verloren ginge.
Drei nummerierte Phasen Discover, Define und Deploy für KI-Projekte im Mittelstand.
Das auf dem Rheinland Day empfohlene Vorgehensmodell: Programmierung kommt zuletzt, nicht zuerst.

Der Ausgangspunkt: gute Forschung, schwache Übersetzung in Produkte

Eine der Kernbeobachtungen des Tages betrifft eine strukturelle Schwäche des Standorts. Deutschland verfügt über exzellente Forschung, schafft es aber nicht ausreichend, deren Ergebnisse in marktfähige Produkte zu überführen. Zwischen Forschungsergebnis und Anwendung gehe regelmäßig Know-how verloren – nicht selten greifen ausländische Unternehmen die Ergebnisse auf und erzeugen dort die Wertschöpfung. Das klassische Beispiel bleibt der MP3-Player.

Die Innovationstätigkeit im Land sinkt, während weltweit vor allem Technologieunternehmen an Wert und Bedeutung gewinnen – Unternehmen, die hierzulande zu selten entstehen und zu selten groß genug werden. Für den Mittelstand ist daraus eine konkrete Empfehlung abzuleiten: Innovation lässt sich aus der Wissenschaft aktiv abschöpfen. Die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft war einmal stärker und sinkt seit Jahren. Selbst kleine Unternehmen können hier ansetzen – im genannten Fall richtete ein Betrieb mit rund 20 Mitarbeitenden eine Stiftungsprofessur an der örtlichen Universität ein.

Wie KI-Projekte starten sollten: drei Phasen statt Schnellschuss

Der vielleicht nützlichste Beitrag für den Alltag ist ein einfaches Vorgehensmodell. Der häufigste Fehler: Unternehmen beginnen direkt mit der Programmierung. Das ist der Schritt, der zuletzt kommen sollte. Stattdessen empfiehlt sich ein Ablauf in drei Phasen:

  • Discover: Sicherstellen, dass Führungskräfte und Mitarbeitende verstehen, was KI überhaupt ist und was gerade passiert.
  • Define: Konkret definieren, wo KI ein echtes Problem löst oder einen messbaren Mehrwert schafft – nicht KI einsetzen, nur um KI einzusetzen.
  • Deploy: Erst jetzt die technische Umsetzung. So entsteht am Ende keine „tolle Lösung“ um ihrer selbst willen, sondern eine, die nachweisbar Nutzen bringt.

Erst die Daten, dann das Projekt

Ergänzend dazu betonten mehrere Gesprächspartner die Bedeutung der Datenbasis. Bevor man loslegt, lohnt sich eine ehrliche Analyse: Welche Daten sind vorhanden, auf denen man aufsetzen kann? Diese Sichtung erfolgt sinnvollerweise mit einem Data Scientist. Erst danach geht es strategisch weiter – mit der Frage nach den richtigen Use Cases, der Vision und vor allem dem Proof of Value.

Der Unterschied ist entscheidend: Viele Initiativen verlaufen im Sande, weil ein Proof of Concept zwar technisch funktioniert, aber niemand geprüft hat, ob damit ein reales Problem gelöst wird. Die Leitfragen vor jeder Investition lauten daher: Sparen wir Zeit? Werden wir effizienter? Welchen ROI bringt das? Und welche Rahmenbedingungen – Datenschutz inklusive – müssen berücksichtigt werden?

Konkrete Anwendungsfälle aus dem Mittelstand

Abstrakte Strategie hilft wenig ohne Beispiele. Die folgenden Felder wurden auf der Veranstaltung mit Praxisbezug vorgestellt.

Technischer Support und Wissenssicherung

Bei hochkomplexen Anlagen, von denen oft nur ein Exemplar existiert, umfasst die Dokumentation schnell Hunderttausende Seiten. Fachkräfte im After-Sales-Support verbringen laut den Schilderungen leicht rund 25 Prozent ihrer Zeit allein mit der Suche in diesen Unterlagen. KI-gestützte Systeme können hier die passende Antwort sofort liefern – sofern das zentrale Risiko beherrscht wird: Halluzinationen. Eine Antwort klingt immer plausibel, ist aber manchmal schlicht falsch. In sicherheitsrelevanten Umfeldern ist das nicht hinnehmbar, weshalb die Aufbereitung der Daten so erfolgen muss, dass das Sprachmodell sie verlässlich lesen kann.

Bemerkenswert ist die Reaktion der betroffenen Fachkräfte: In überlasteten Support-Teams herrscht praktisch keine Jobangst. Im Gegenteil – KI schließt die Lücke, die entsteht, wenn erfahrene Mitarbeitende mit ihrem gesamten Unternehmenswissen in den Ruhestand gehen und der Fachkräftemangel die Nachbesetzung erschwert. Es geht nicht darum, Jobs zu automatisieren, sondern Teams handlungsfähig zu halten.

KI und Robotik in der Produktion

Für viele Mittelständler ist es eine große Hürde, Roboter oder Maschinen verschiedener Hersteller in Betrieb zu nehmen und umzuprogrammieren – das nötige Know-how fehlt intern, externe Integratoren sind teuer. Sprachmodelle ermöglichen hier eine dialogbasierte Steuerung: Maschinen lassen sich ohne tiefe Programmierkenntnisse einstellen und Roboter über Foundation-Modelle steuern.

Zwei Punkte sind dabei zentral. Erstens die Kontrolle: Mittelständler haben wenig Interesse daran, dass Kamerabilder aus ihrer Produktion in die Cloud oder an US-Unternehmen abfließen, weil dort Firmengeheimnisse stecken. Lokal ausgeführte Systeme adressieren genau das – inklusive der Nachvollziehbarkeit, welche Aufgaben gerade gelöst werden und wo es hakt. Zweitens der Datenschatz: Während US-Anwendungen stark auf Wissensarbeit zielen, liegt für den deutschen Mittelstand der größere Hebel in der Produktionshalle. Unternehmen mit viel Hintergrundwissen können Modelle damit anfüttern – ein Vorteil, den amerikanische Anbieter ohne diese Daten nicht haben.

Marketing: Standortdaten und Geofencing

Im Marketing wurde Geofencing als Beispiel angeführt. Dabei werden Orte definiert – etwa der eigene Store oder der eines Wettbewerbers –, um die Zielgruppe kontextbezogen anzusprechen. Wer sich 30 Minuten bis 2 Stunden beim Autohändler-Wettbewerber aufhält, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein kaufbereiter Interessent im „Lower Funnel“. Ähnliche Logiken gelten für Küchenstudios oder den saisonalen Reifenwechsel in Autowerkstätten. Die Voraussetzung ist überschaubar: kein umfangreiches KI-Strategiepapier, sondern Klarheit über das Ziel und die direkte Konkurrenz.

Sprachbasierte KI-Agenten für Termine und Erreichbarkeit

Ein weiteres Beispiel waren telefonische KI-Agenten auf einer fertigen, DSGVO-konformen Plattform, gesteuert über Prompting und angebunden an eine Automatisierungsplattform. Vor, während und nach einem Gespräch lassen sich Aktionen auslösen – etwa eine SMS mit dem LinkedIn-Profil versenden oder direkt einen Termin im Kalender abstimmen. Der praktische Wert liegt in der Skalierung: Solche Systeme arbeiten rund um die Uhr, können viele Telefonate parallel führen und eignen sich für Restaurant-Reservierungen, Friseurtermine oder die proaktive Erinnerung an den Reifenwechsel im Herbst.

Warum der persönliche Austausch zählt

Bei aller Technik wurde ein Punkt mehrfach betont: Wir sind von künstlicher Intelligenz umgeben, doch echten Fortschritt erzeugt am Ende menschliche Intelligenz. Der besondere Wert solcher Veranstaltungen liegt in der Kombination zweier Welten – der jahrzehntelangen Erfahrung etablierter Industrieunternehmen und der digitaleren Denkweise junger Tech-Startups. Bewusst fand der Rheinland Day nicht in einer Metropole statt, sondern dort, wo der Mittelstand tatsächlich sitzt: in der Region.

Fazit

Die Botschaft des Rheinland Day ist angenehm bodenständig: KI im Mittelstand gelingt nicht über den schnellen Code, sondern über Verständnis, eine saubere Datenbasis und klar definierte Use Cases mit nachweisbarem Nutzen. Wer mit dem Proof of Value statt dem reinen Machbarkeitsnachweis beginnt, vermeidet die Projekte, die im Sande verlaufen. Die überzeugendsten Anwendungen entlasten Fachkräfte, sichern wertvolles Wissen und halten sensible Daten im Haus. Für KMU-Entscheider heißt das: erst das Problem, dann die Daten, dann die Technologie – in dieser Reihenfolge.

Quelle: KI-Lösungen für den Mittelstand – Markt und Mittelstand: Der Podcast (YouTube)